Hyperlokale Netzwerke: Der Kampf um den nächsten Hügel

In den USA gibt es ein hyperlokales Angebot, das Orte im Norden ziemlich ähnlich ist. “Patch” verwirklicht das selbe Grundprinzip wie unser Portal: Es ist eine Art hyperlokaler Setzkasten, wie Medienjournalistin Ulrike Langer das mal nannte. Es gibt hunderte von Ortsseiten, die aus immer den selben Elementen (“templates”) zusammengesetzt sind und doch je nach Ort sehr unterschiedliche Inhalte zusammentragen. Aus örtlichen Quellen, aber auch von “Patch-Workern” vor Ort, die eigene Nachrichten und Berichte schreiben.

Laut Ulrike Langer betrieb das dem Medienkonzern AOL gehörende Portal im März des vorigen Jahres 860 lokale Patch-Seiten, die von ebenso vielen Redakteuren betreut wurden. Inzwischen wurde die Zahl der “Patch”-Portale auf rund 500 reduziert, damit einher gingen hunderte von Entlassungen (Quelle: USAtoday). Der Grund: Das Investment des AOL-Konzerns in Höhe von 200 bis 300 Millionen US-Dollar im Laufe der letzten 4 Jahre (Quelle: Wired) sei durch lokale Werbung nicht refinanzierbar.

Und so beginnt denn jetzt in den amerikanischen Medien der Abgesang auf den hyperlokalen Netz-Journalismus, der sich nicht refinanzieren lasse. Vor allem, weil der Aufwand ihn zu betreiben so hoch sei: Hyperlokaler Journalismus, so schreibt beispielsweise Mathew Ingram, ist Handwerk und nicht Industrie, er lasse sich nicht skalieren, also auch nicht wirtschaftlich betreiben (Quelle: Gigaom.com). Der Versuch, hier gegenzusteuern, war für andere, wie den Journalismus-Professor Jay Rosen der Anfang vom Ende:

Nun gut. Wir sind bei Orte im Norden zu zweit für etwa 200 Ortsportale zuständig, da bleibt nicht viel Zeit für teures Handwerk vor Ort. Den Fehler können wir schon mal nicht machen (dafür wollten wir ja dann OiN-Reporter vor Ort gewinnen, was sich allerdings als schwieriger erweist als gedacht). Aber offensichtlich muss man auch nicht unbedingt vor Ort leben, zumindestens hier in Deutschland scheint man ja mit hyperlokalem Ansatz in etwas größeren Einheiten durchaus Geld verdienen zu können (Quelle: lousypennies.de).

Wie dem auch sei, der nicht unumstrittene, aber von mir durchaus geschätzte Autor Jeff Jarvis (“Was würde Google tun?”) hat eine sehr nachdenkenswerte Analyse drüber verfaßt, was seiner Meinung nach bei Patch bzw. den Versuchen hyperlokalen Journalismus zu betreiben falsch gelaufen ist.

Natürlich, so schreibt Jarvis, brauchen lokale communities lokale Information. Aber so wie Patch die bringen wollte, ginge es nicht:

1. Habe Patch von der ersten Ortsseite an kein funktionierendes business modell für hyperlokalen Journalismus gehabt, dieses dann aber fast 900mal ausgerollt.

2. hätte man aus Patch ein Netzwerk unabhängiger lokaler Web-Portale machen müssen, mit den notwendigen technologischen und werblichen Vernetzungen. Es sei der Fehler der “alten Medien” (Jarvis bezeichnet AOL als “altes Medium”!), dass sie Inhalte immer selbst erstellen und besitzen, über alles die Kontrolle behalten wollten

3. sei Patch nicht gut mit anderen Sites umgegangen: aggressiv, geheimniskrämerisch, nicht Inhalte teilend. Deshalb könne man jetzt auch nicht auf deren Hilfe bei der Verbreitung von Inhalten und dem Aufbau lokaler Werbenetzwerke hoffen.

4. habe Patch Werbung auf seinen Seiten in der (so Jarvis) Manier der guten, alten Medien verkaufen wollen: Die gelernten Werbemittel zu teuren Preisen verkaufen ohne dass sie ausreichend performen. Die Werbekunden bräuchten aber mehr als nur display Ads bei einem news-Portal, nämlich Hilfe beim Umgang mit Facebook, Google, twitter, YouTube und Co.

5. Patch habe es versäumt, im eigenen Netzwerk Synergien zu nutzen. Alle Seiten hätten nebeneinander existiert ohne dass starke, grundsätzlich überall gültige Inhalte anderen Ortsportalen zur Verfügung gestellt würden: “10 Dinge, die ich bei einer Hurricane-Warnung machen sollte” gälten schließlich überall.

Tenor der Ausführungen Jarvis’ ist letztendlich, daß nicht der hyperlokale Journalismus sterben würde, sondern die Art, wie AOL ihn mit Patch angegangen sei. Hyperlokales sei der schwierige “Kampf um den nächsten Hügel”. Der könne nur gewonnen werden, wenn man unabhängigen Seiten in einem großen hyperlokalen Ökosystem helfe, Inhalte, Reichweite, Werbung zum gegenseitigen Nutzen zusammenzubringen.

Starker Tobak für jemanden, der ein Portal betreibt, das in seinen Ansätzen ähnlich aufgebaut ist, wie Patch – wenn natürlich auch ohne einen Stab von 200 OiN-Redakteuren oder Investitionen des Mutterhauses in Millionenhöhe.

Und viel Stoff zum Nachdenken über die kommenden Feiertage.

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blog.orte-im-norden.de

Blogger seit 2005. Und immer wieder von Neuem überrascht